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| > | Salzburg: Europäische Bauern zum Boykott bereit | 16.11.2005 | |||||||||||||||||||||||||||
Salzburg. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte könnten die Deutschen in den Geschäften bald wieder vor leeren Milchregalen stehen. Das kündigte Romuald Schaber, Sprecher des "Bundes Deutscher Milchviehhalter" (BDM), in einer Pressekonferenz am Freitag im Salzburger Hotel "Vogelweiderhof" an. | |||||||||||||||||||||||||||||
"Wir haben einen Umdenkungsprozess in Gang gesetzt, und deshalb sind wir viel weiter, als es nach außen hin scheint", meinte Schaber bei einem Treffen europäischer Milchviehhalterverbände aus zehn Nationen, die im EMB, dem "European Milk Board" (= europäische Milchvereinigung) zusammen geschlossen sind. Oberstes Ziel des EMB ist das Erreichen eines kostendeckenden Preises in Höhe von 40 Cent für das Kilogramm Milch. Dafür wird als letztes Mittel ein europaweiter Milchlieferboykott ins Auge gefasst. "Wir haben gute Karten", zeigte sich der Österreicher Ernst Halbmayr überzeugt, "unsere Stärke ist, dass wir ein Produkt herstellen, das täglich frisch gebraucht wird." Durch ein koordiniertes Vorgehen der Milchproduzenten in den angeschlossenen Ländern soll verhindert werden, dass die Landwirte gegeneinander ausgespielt werden. Das Problem der Milchviehhalter sei nämlich lange Zeit gewesen, "dass wir nur im Kreis geschickt wurden und jedem einzelnen Land mit einem anderen Land gedroht wurde", sagte Ewald Grünzweil, Obmann der österreichischen "IG-Milch". Dabei habe sich herausgestellt, dass die Preisdifferenz für die Milch in Europa bei höchstens zwei Cent liege. Grünzweils Kollegen aus Belgien, Holland, der Schweiz und Italien bestätigten diese Version. So meinte der Belgier Bernd Jacobs: "Wir werden gegeneinander ausgespielt!" Bei der Zusammenkunft in Salzburg sei jedoch eines sehr klar geworden: In keinem Land Europas könnten Milchviehhalter zur Zeit kostendeckend produzieren. "Wir Belgier sind schon morgen zum Losschlagen bereit!" Mit dem "Losschlagen" meinte der Belgier die von den anwesenden Journalisten wiederholt gestellte Frage nach dem in Erwägung gezogenen Milchstreik. Wie Ewald Grünzweil erläuterte, habe die Gruppe bei ihrem Treffen in Salzburg einen Fahrplan beschlossen. Wenn sich an der gegenwärtigen Preispolitik auf dem europäischen Milchmarkt nichts ändere, dann werde es einen unbefristeten europaweiten Lieferboykott geben. Über Details wollte Grünzweil auf Nachfrage - "aus taktischen Gründen" - nicht sprechen, er verriet aber immerhin soviel, dass der "Zeithorizont sehr knapp" sei und dass vermutlich innerhalb des nächsten Milchwirtschaftsjahres etwas passieren werde. Der Organisationsgrad der europäischen Milcherzeuger ist mittlerweile relativ hoch. In Österreich hat das EMB rund 30 Prozent der gebündelten Milchmenge hinter sich, in Deutschland rund 25 Prozent. Europaweit, schätzten die anwesenden Bauernvertreter, habe ihr Zusammenschluss ein Viertel der Milchmenge organisiert. Er sei sich sicher, dass ein Boykott auch zahlreiche noch nicht organisierte Landwirte mitreißen werde, beteuerte der deutsche Vertreter Romuald Schaber. - "Seit Jahren sind wir an der Sache intensiv dran", bestätigte auch Martin Haab aus der Schweiz, er rechne für sein Land mit bis zu 40 Prozent der Milchlieferanten, "die morgen schon mitmachen" w "Die Politik hilft uns", kommentierte Sieta van Keimpema aus Holland die Situation mit Sarkasmus: Allmählich werde auch den letzten Landwirten in den Niederlanden bewusst, dass die EU-Politik sie "ertrinken" lasse. Die Bauern würden erwachen und erkennen, dass sie nur von sich selbst Hilfe zu erwarten hätten. - "Wir werden uns einem Milchboykott anschließen", bestätigte auch Roberto Cavaliere für die italienischen Landwirte, wo trotz eines höheren Milchpreises rund 50 Prozent der milcherzeugenden Betriebe innerhalb von zehn Jahren aufgeben mussten. Romuald Schaber äußerte Zweifel an den von den Politik propagierten Zahlen, dass es in der EU bei der Milch eine Überproduktion von 15 Prozent gebe. "Wir glauben nicht, dass es so viel ist". Das EMB gehe vielmehr davon aus, dass es sich nur um einige wenige Prozent handle. Auch müsse man sehen, dass "jedes Kilogramm Milch vermarktet wird". Das EMB sei bereit, über eine Reduzierung der Liefermenge zu verhandeln - allerdings nur, wenn es im Gegenzug eine Preissteigerung Prinzipiell gehöre die Mengensteuerung nicht in die Hände der Politik, sondern in jene der Landwirte. Andernfalls werde es immer einen Überschuss auf dem Milchmarkt geben. Die neuesten Pläne der EU gingen sogar davon aus, die Milchmenge nochmals um 1,5 Prozent zu steigern. Schaber: "Da sieht man doch, dass die Politik allen Krokodilstränen zuwider für andere Interessen arbeitet!" Allgemein zeigten sich die Bauernvertreter aus zehn europäischen Ländern sehr zufrieden mit dem bislang Erreichten. Ihre Bewegung sei nicht mehr zu ignorieren. In seinem Land habe es bereits ein Treffen der Molkereien auf Bundesebene gegeben, berichtete der Österreicher Ernst Halbmayr. Dabei sollte abgestimmt werden, wie die Molkereien auf einen Milchlieferboykott reagieren. Gleichzeitig machte Halbmayr klar: "Wir wollen nicht die Molkereien schädigen, sondern unsere Interessen durchsetzen!" "Wir sind in Deutschland bereits in die zweite Phase eingetreten", erläuterte Romuald Schaber das Verhältnis zwischen BDM und Deutschem Bauernverband. "Die erste Phase war, uns zu ignorieren. Das schaffen sie jetzt nicht mehr. In Phase drei wird sich der Bauernverband dann zurückhalten müssen, um nicht großen Schaden zu erleiden!" Verändert werden muss nach Schabers Vorstellung die Milchpreisgestaltung. Bislang hätten die Bauern nur das erhalten, was übrig geblieben sei. "Das wird sich völlig ändern", kündigte Schaber an, "wir werden künftig den Preis anhand unserer Notwendigkeiten formulieren." Dem EMB schwebt ein Milchpreis von 40 Cent für das Kilo vor. Diese Zahl sei keineswegs utopisch, sondern könne anhand der Produktionskosten belegt werden. - Gegenwärtig liegt der Milchpreis in Europa zwischen 26 und 28 Cent, ohne Mehrwertssteuer. Damit könne kein Landwirt kostendeckend arbeiten, kritisierte Schaber, die Bauern würden in der Folge abhängig von staatlichen Zuschüssen. Auf die Frage, was die Landwirte im Falle eines Boykotts denn mit ihrer überschüssigen Milch anfangen wollten, antwortete Ernst Halbmayr: "Verfüttern!" Die Teilnahme an einem Boykott, so der Österreicher, sei für den Milchproduzenten die wichtigste Investition in die Zukunft überhaupt, nämlich eine Investition in den Milchpreis. An der Konferenz in Salzburg nahmen Vertreter aus zehn europäischen Nationen teil: Aus Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz, Belgien, Frankreich, Holland, Wales, Dänemark und Schweden. Angeschlossen sind außerdem Verbände in Spanien und Ungarn. rgz | |||||||||||||||||||||||||||||
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