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 > Kirchanschöring: Tauschbörse in Kirchanschöring gestartet30.11.2005 

Kirchanschöring. Die Gemeinde Kirchanschöring, Goldmedaillengewinner im Bundeswettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden - unser Dorf hat Zukunft", ist auch in Sachen Selbstbestimmung und Selbsthilfe ein Vorreiter. Nun wurde eine Tauschbörse gegründet. Zum Start des Projekts referierten Joachim Sikora, 1. Vorsitzender von "Forum für Kirche und Politik e.V.", und Franz Galler, 1. Vorsitzender und Gründer von STAR e.V..

Das Tauschbörsenmodell von STAR e.V., kurz für Sterntaler und Talente Austauschring, ein Verein, der im gesamten Berchtesgadener Land aktiv ist, wurde in Kirchanschöring übernommen. Allerdings in einer neuen Variante. Hier wird nämlich diese Tauschbörse in das Projekt "Lebensqualität durch Nähe" integriert. Damit nimmt die Tauschbörse einen sozialen und gemeinnützigen Aspekt an, den sie bisher noch nicht hatte.

Zum Start des Projektes präsentierte der Projektleiter von "Lebensqualität durch Nähe", 3. Bürgermeister Hans-Jörg Birner, den Versammelten einen interessanten Vortrag von Joachim Sikora, dem 1. Vorsitzenden von "Forum für Kirche und Politik e.V." und eine Erklärung der Tauschbörse durch Franz Galler, dem 1. Vorsitzenden und Gründer von STAR e.V.. Hans-Jörg Birner konnte zum Vortrag auch Pfarrer Christoph Kronast, Altbürgermeister Hans Straßer und einen, der sich sehr bei der Arbeit der Agenda 21 verdient gemacht hat, nämlich Dr. Josef Heringer, begrüßen. Der überzeugend und informativ gestaltete Vortrag von Sikora hieß "Vision einer Gemeinwohl-Ökonomie - auf der Grundlage einer Zweitwährung".

Der Dipl.-Volkswirt und Dipl.-Pädagoge Joachim Sikora gab in seinem Vortrag zuerst einen Überblick, wie sich die Situation entwickelt hat, in der wir jetzt sind. "Nach einem Zitat von Alfred Müller-Armack liegt der Sinn der sozialen Marktwirtschaft darin, die Marktwirtschaft mit dem Sozialen zu verbinden", sagte Sikora, "und die politische Gemeinschaft besteht um des Gemeinwohls Willen, nicht um das des Einzelnen". Diese Grundsätze galten mehr oder weniger bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Dann kamen die Doktrinen des Monetaristen und Nobelpreisträgers Milton Friedman. "Privatkapitalismus pur" war angesagt, meinte Sikora. Andere, wie Alfred Rappaport, von dem die Maxime des "Shareholder Value" stammt, stimmten in die Lobeshymnen auf den Kapitalismus ein. Fortan galt die Orientierung an der Wertschöpfung für Aktionäre als einziger Maßstab für die Wirtschaft. Diese ökonomischen Philosophen haben es geschafft, ihre Begriffe wie Rationalisierung, Flexibilisierung, Senkung der Unternehmenssteuern und -abgaben, Deregulierung, Privatisierung, Eigenverantwortung, Wachstum, Markt und Globalisierung als die einzig gültigen in die politische Diskussion zu bringen.

Der Erfolg war eine Verstärkung der Krisen, eine kontinuierlich steigende private und öffentliche Verschuldung, ein Abbau von Sicherungssystemen und steigende Arbeitslosigkeit. 1991 habe es in Deutschland 8.837 Firmenpleiten gegeben, 2001 seien es über 32.000 gewesen, konstatierte Sikora. Firmenfusionen wie die von Daimler-Benz und Chrysler seien groß angekündigt worden als Aufstieg zum "Global Player", hätten sich aber in der Praxis oft als nicht erfolgreich erwiesen. Ein besserer Titel könnte in solchen Fällen oft sein: "Schlechter mit Größe", meinte Sikora. Die Konzentration des Kapitals habe aber zu so absurden Situationen geführt, dass heute die 225 Reichsten der Welt über so viel Kapital verfügen wie die ärmsten 47 Prozent der Weltbevölkerung, also knapp drei Milliarden Menschen. Diese Konzentration bedingt natürlich, direkt oder indirekt, Knappheit und Mangel and Die Entwicklung zum "Raubtierkapitalismus" sei unverkennbar, sagte Sikora. Statt aber nach neuen Lösungen zu suchen, wie die Krisen bewältigt werden könnten, verlegen sich Politik und Wirtschaft darauf, alle anderen als die bisher eingeschlagenen Wege für unmöglich zu erklären. Dabei war es kein geringerer als Albert Einstein, der einmal sagte; "Wir können Probleme nicht mit Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben".

Ein Problem sei das Geld, sagte Sikora. Etwa 700 Jahre vor Christus seien auf Befehl von König Midas einheitliche Münzen geprägt worden und fortan fungierte das Geld als geniales Tauschmittel und Wertmesser. Probleme entstanden, als Leute anfingen, Geld zu horten, es also dem Wirtschaftskreislauf zu entziehen und dem Geld auch Funktionen als Zins- und Zinseszinsbringer und Spekulationsmittel aufgebürdet wurden. Diese Praktiken haben inzwischen ein horrendes Ausmaß erreicht. Von den 1.200 Milliarden Dollar, die heute täglich um den Globus gejagt würden, entfielen nur drei Prozent auf Transaktionen, die Waren oder Dienstleistungen betreffen, 97 Prozent würden zu Spekulationszwecken transferiert.

"Wir brauchen ein Geld, das nicht zu Spekulationen verwendet werden kann", sagt Sikora. Ein Ansatz dazu seien die Regionalwährungen, von denen es mittlerweile schon 60 in Deutschland gebe. Zudem könne bei diesen Modellen auch Zeit, die zu einem festen Konversionssatz in "Talente", von denen jeweils ein Talent einer Währungseinheit der Regionalwährung entspricht, umgerechnet w Die Vorteile dieser regionalen Währungen liegen auf der Hand, sagte Sikora. Alle Transaktionen würden in einer begrenzten Region getätigt und die Wertschöpfung bliebe damit im lokalen Bereich. Bei einem solchen Projekt könnten neben der Erwerbstätigkeit auch viele im großen Wirtschaftsystem unbeachtete Tätigkeiten, die aber für das Gemeinwohl wichtig sind, im System anerkannt und finanziert werden. In einem solchen Regionalsystem kann ein Finanzierungs- und Banksystem aufgebaut werden, in dem sowohl die Regionalwährung als auch Zeit als Guthaben oder Kredit verbucht werden können. Steuern und Abgaben werden wie in der überregionalen Wirtschaft auch in das soziale Sicherungssystem eingespeist.

Die herausragenden Merkmale dieser regionalen Bemühungen seien aber die Nutzung der lokalen Ressourcen, die lokale Bestimmung der Preise und dass so weit wie möglich ohne Importe von außen produziert wird. Dabei kann in dieser "zirkulären Ökonomie" viel besser als in der überregionalen Wirtschaft auf die Forderung nach dem Erhalt des "Naturkapitals" geachtet werden. Der Natur dürfen nur so viele nachwachsende Rohstoffe entnommen werden wie sie regenerieren kann. Es dürfen nur so viele Schadstoffe ausgestoßen werden wie die ökologischen Systeme assimilieren können. Es wird größter Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Ressourcen, die nicht nachwachsen, sind durch Substitute zu kompensieren, sodass auch nachfolgende Generationen gleiche Wohlstandschancen haben. Eingriffe in die Natur müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß der natürlichen Prozesse stehen. Die regionalen sozialen Netze können dabei so gestaltet werden, dass sie eine Grundversorgung sicherstellen und die überregionalen sinnvoll ergänzen, sagte Sikora abschließend.

In der folgenden Pause konnten die Anwesenden gleich auf Zetteln ihre Wünsche und Talente aufschreiben, um sofort einige Tauschaktionen in Gang zu bringen. Sie machten offensichtlich regen Gebrauch von den dabei offerierten Möglichkeiten. Nach der Pause erklärte Franz Galler, der Vorsitzende von STAR e.V., die Regeln des Vereins. Die Möglichkeiten für den Umweltschutz und die Chancen für kleine und kleinste Unternehmen seien ein besonderes Anliegen des Vereins, sagte Galler. Auch wegen der sozialen Aspekte habe er sich entschieden, für diesen Verein zu arbeiten. "Es ist sehr leicht, Euros auszugeben, aber unser Geld und unsere Talente helfen auf lokaler Ebene", sagte Galler. Galler erwähnte auch, dass durch die Mitgliedschaft im Verein die Sterntaler, wie das Regionalgeld heißt, und die Talente mit anderen lokalen Vereinen im BGL ausgetauscht und verrechnet werden können.

3. Bürgermeister Birner fasste kurz zusammen und meinte, die Tauschbörse sei eine gute Ergänzung zu dem Projekt "Lebensqualität durch Nähe". Er appellierte an die Anwesenden im Sinne dieses Projektes auch manchmal an das Soziale zu denken und nicht immer nach Gegenleistungen Ausschau zu halten. Ein Projekt wie dieses eigne sich vorzüglich, etwas zu lernen und sich persönlich einzubringen.

Galler klärte auf Fragen aus dem Publikum noch einige versicherungstechnische Angelegenheiten. Birner sagte, er und die Gemeinde seien die Ansprechpartner für Interessenten und meinte, es sei ein wunderbarer und informativer Abend gewesen. "Tragt`s es nach außen und erzählt`s, was wir hier vorhaben" rief er den Anwesenden abschließend zu. al


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