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 > Steinbrünning: Bauern erwägen Lieferboykott für Milch07.09.2005 

Steinbrünning. Kein bisschen gemütlich ging es beim Milchbauerntag während des Steinbrünninger Herbstfestes zu. Aufgebracht wegen der zu niedrigen Milchpreise erwägen die Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) einen Lieferboykott für Milch. Nachdem die Kollegen aus Österreich mit den gleichen Gegebenheiten zu kämpfen haben, wurde der Milchbauerntag zum ersten Mal als grenzüberschreitende Veranstaltung gehalten.

Georg Mayer vom BDM konnte aber nicht nur Milchviehhalter aus der österreichischen Grenzregion begrüßen, auch aus Ungarn war eine Delegation gekommen. Unisono beteuerten sie, dass sie sich nicht weiterhin von Politik, Molkereien und den Handelsketten mit leeren Versprechungen und niedriger Entlohnung für das Produkt ihrer Kühe abspeisen lassen würden.

In Leo Steinbichler von der IG Milch Österreich hatten die Milchbauern einen sehr eloquenten ersten Sprecher. "Wir können hier nicht darüber reden, was zu unternehmen ist und dann heimgehen und weitermachen wie bisher", sagte Steinbichler. "Die 130.000 Milchbauern der EU brauchen sich nicht dauernd neue Vorschriften machen zu lassen. Wir müssen umdenken und uns daran erinnern, dass wir zusammen viel Macht und Einfluss haben." Er prangerte die falsche Deklarierung der Milchprodukte an, die in der EU gang und gäbe sei. Da würden Milchprodukte auf Etiketten als aus österreichischer oder bayerischer Milch produziert dargestellt und nur ganz klein gedruckt würde ir- gendwo darauf verwiesen, dass es sich eigentlich um Milch aus einem anderen Land handelt. Wenn Dinge in Tschechien gemacht und dann als bayerisch verkauft würden, sei das Betrug. Die Experten sagten den Bauern immer noch, diese müssten mehr produzieren, dann würde sich ihre Situation verbessern. Es sei aber inzwischen völlig klar, dass dem nicht so sei.

Es müsse in jedem Fall nachhaltig und ökologisch gewirtschaftet werden, um die Umwelt zu schonen, meinte Steinbichler. Die Überschwemmungen im Alpenraum und Südosteuropa und die verheerenden Brände auf der iberischen Halbinsel seien Zeichen der Umweltzerstörung und des Klimawandels.

Steinbichler prangerte auch die langen Transportwege für Konsumentenprodukte an. Um alle Komponenten für einen Becher Joghurt zusammen zu führen und in einen Laden zu bringen, würden bis zu 55.000 Kilometer zurückgelegt. Die Lebensmittelproduktion müsse wieder regionalisiert werden, meinte Steinbichler. Um dies durchzusetzen müssten sich die Bauern international solidarisieren. "Es kann nicht sein, dass es Rivalitäten zwischen gibt". Nur geschlossen stellten sie eine gewaltige Macht dar. Dann könnten auch Forderungen an die Politik durchgesetzt werden, die ohnehin mehr Spielraum habe als öffentlich zugegeben werde, sagte Steinbichler.

Jakob Niedermaier, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Milchviehhalter Oberbayern, erklärte, wie ein Milchpreis von 40 Cent pro Liter erreicht werden könne. Auch Niedermaier stellte als erste Priorität die Einigkeit der Bauern heraus. Er beklagte allerdings die schlechte Zusammenarbeit des Bauernverbandes mit den Milcherzeugern. Die CDU als Regierungspartei in Berlin bedeute nicht automatisch eine Verbesserung für die Bauern, meinte Niedermaier. Einfluss müsse auch dort erst erkämpft und geltend gemacht werden. Es seien nicht unbedingt die großen Handelsketten oder die Konsumenten, die niedrige Milchpreise forderten, sagte Niedermaier. Oft seien es die Molkereien, die den Discountketten ein günstiges Angebot machten, um ins Geschäft zu kommen, und dann Druck auf die Bauern ausübten, um noch eine genügend große Gewinnmarge zu erzielen.

Es könne durchaus möglich sein, dass es nötig werde, einen europaweiten Lieferboykott zu inszenieren, um die Forderung nach einem Literpreis von 40 Cent für die Bauern durchzusetzen, meinte Niedermaier. Nachdem Milch ein verderbliches Produkt sei und die Lager- und Lieferkapazitäten dementsprechend organisiert seien, würde es gar nicht lange dauern, bis die Ladenregale leer wären. Wenn genug Bauern mitmachten, könnte die Forderung nach wenigen Tagen durchgesetzt werden. Niedermaier: "Die Bauern müssen nur agieren statt wie bisher immer zu reagieren". Der Ruf nach einem Literpreis von 40 Cent sei absolut gerechtfertigt, denn nur bei diesem Preis könnten die Bauern rentabel und menschenwürdig arbeiten. Von den Landwirten werde dauernd der Erhalt unserer schönen Kulturlandschaft verlangt, aber mit den jetzigen Milchpreisen sei dies unmöglich. Auch der Sprecher der ungarischen Milchbauern, Johann Konrad, sagte, die "EU-Euphorie" in den neuen Beitrittsländern würde schnell verfliegen, wenn die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen nicht den Bedürfnissen angepasst würden. Die EU-Politiker "in ihren schönen Anzügen im fernen Brüssel" müssten "herabsteigen vom hohen Ross und mehr Volksnähe spüren lassen."

Abschließend zeigten sich die Milchbauern bei ihrem ersten gemeinsamen bayerisch-österreichischen Treffen zuversichtlich, dass sie ihr Ziel eines fairen Milchpreises erreichen können, wenn sie genug Druck ausüben würden. Der Erlösausfall bei einem Lieferboykott würde weniger als einen Wochenerlös darstellen, der Gewinn aber die Zukunft dauerhaft sichern, beteuerten die Sprecher.

Wie schon zu Beginn der Veranstaltung glättete die Blaskapelle Steinbrünning die emotionalen Wogen mit den weichen, samtigen Tönen, die sie unter der Leitung von Kapellmeister Anton Hogger zum Abschluss des Abends hören ließ. al


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